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Leseprobe
Auszug aus dem Buch
"Wo geht´s hier bitte zum Paradies"
WIE ALLES BEGANN
Der Beginn unseres
"neuen Lebens", unserem Dasein auf See, fand
an einem bemerkeswerten Abend statt.
Es waren diese seltenen Stunden zwischen einem arbeitsreichen
Tag, und einem träumerischen Ausklang. Unsere sechs
Kinder waren ausnahmsweise einmal friedlich, waren mit
sich selbst beschäftigt, und der Familienhund und
die Katzen dösten zu unseren Füssen. Im Kamin
knisterte das Feuer und die Welt unter den Fenstern unseres
Berghauses löste sich im letzten Tageslicht auf,
wurde unwirklich. Im Tal lag bereits tiefe Dunkelheit.
Es begann in dicken Flocken zu schneien.
Auch mein Mann, der sonst ewig rastlose, von der Ratio
besessene Physiker liebte diese Stimmungen. Wir schauten
in die Flammen und träumten so einfach vor uns hin.
Unsere Zukunft kam uns in den Sinn, und wie es einmal
sein würde, wenn die Kinder erwachsen und flügge
geworden wären. Ich kuschelte mich an die Schulter
meines Mannes und hing meinen Träumem nach.
"Sieh mal", sagte ich, "wenn die Kinder
aus dem Haus sind, brauchen wir all diese Räume nicht
mehr, wir könnten ein kleines Haus in der Heide kaufen,
zwischen Birken und Kiefern. Endlose Sandwege laden dort
zum Reiten ein, es gäbe Ställe zum Pferdezüchten.
Vielleicht könnten wir uns dann sogar noch einen
Esel - ich liebe Esel - und ein paar Schafe halten."
Bis zu den Schafen hatte mein Mann ruhig zugehört,
aber jetzt versteifte er sich: "Was, du willst Schafe
haben?", rief er entsetzt, "die stinken doch,und
ich soll womöglich noch Pullover stricken? Und ewig
angebunden bist du auch mit der Fütterei und der
Pflege. Reiten kann ich nicht, wozu also Sandwege "
Nee, min Deern, so stelle ich mir die Zukunft denn doch
nicht vor !." Unsanft fand ich mich aus meinen Träumen
gerissen. Konnte es sein, dass ich nach einem so langen
gemeinsamen Weg so wenig von den Zukunfsvorstellungen
meines Mannes wusste?
Hier war Aufklärung nötig, die auch prompt einsetzte.
"Ich möchte einmal raus aus dem ganzen Zwang",
sagte er, "möchte noch einmal frei sein, den
Arbeitsalltag vergessen ! Weisst du, man müsste einfach
davon segeln, mit einem guten Schiff - wenn es sein muss
rund um die Welt. Und du solltest dabei sein !"
Das sagte Peter so bestimmt, so gar nicht träumerisch,
dass ich in Gedanken meine Pferde, Hunde und Schafe bis
auf einen Bordhund zusammenstrich und versuchte, mich
an die Vorstellung von endlosem Meer, an Stürme,
Gefahren und Angst zu gewöhnen. Und das alles, obwohl
ich Wasser nur in der Badewanne so richtig geniessen konnte.
Es war schon etwas mühsam ! Aber einer musste ja
nachgeben.
Im kommenden Frühjahr begann Peter mich systematisch
seinen Träumen näherzubringen. Überall
lagen jetzt Zeitschriften und Kalender herum, mit Bildern
von prall gefüllten Segeln, bewegtem Wasser und strahlendem
Himmel, Manchmal war das Wasser auch spiegelglatt, und
die sich auf schneeweissen Jachten sonnenenden Damen -
braungold mit blonder Mähne - lockten wie Sirenen,
es doch auch einmal mit dem Wassersport zu versuchen....
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Wie wird man eine Skippersfrau?
... Es ist durchaus kein besonderer Verdienst,
bei hartem Wetter und bei jeder Lage des Schiffes ein
gute, sättigende Mahlzeit auf den Messetisch zu zaubern.
Das ist für eine Skippersfrau schlicht selbstverständlich.
Weiterhin hatte ich alle Details der Navigation, wofür
durchschnittlich begabte Personen einen ganzen Winter
lang in einem Kurs büffeln, sofort und ohne aufwendige
Erklärungen, gewissermassen im Vorbeigehen zu begreifen.
Und wenn mein Skipper mich aufforderte, die nächste
Wende zu fahren, obwohl ich beide Hände gerade im
Hefeteig hattte, wollte er keine langatmigen Einwändig
hören, sondern nur ein knappes "Aye, aye Sir".
Und Fehler, liebe Leser, Fehler, die eine Skippersfrau
machen darf, müssen erst noch erfunden werden...
Neue Chartergäste kommen an Bord
... doch dann wurden wir durch die Neuen
abgelenkt. Zwischen all den sonntäglichen Spaziergängern
fielen sie sofort auf. Ihre Schultern waren unter Last
der Seesäcke gebeugt, die Blicke irrten suchend und
leicht gespannt von Schiff zu Schiff, ihre Kleidung hatte
den seemännischen Touch, und nicht zuletzt erkannten
wir sie am fröhlich-kernigen Ton der Sprache. Kein
Zwiefel, das waren die Nachfahren Wilhelms Tells, auf
die wir warteten.
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